KONZEPT:"Der Goldbrunnen von
Engerwitzdorf"
- ein Begriff:
"Denn der Begriff erlaubt es der äußeren Existenz in dem
Schönen nicht, für sich selber eigenen Gesetzen zu folgen, sondern bestimmt aus sich
seine erscheinende Gliederung und Gestalt, die als Zusammenstimmung des Begriffs mit sich
selber in seinem Dasein eben das Wesen des Schönen ausmacht. Das Band aber und die Macht
des Zusammenhaltes ist die Subjektivität, Einheit, Seele, Individualität."
HEGEL Georg Wilhelm Friedrich, "Vorlesungen
über die Ästhetik",
Werke 13, Bd. I, 1.1.3 - >Die Idee des
Schönen<. S.152
(Auf der Grundlage der Werke von 1832-1845)
1.0 Idee - Begriff
1.1 Die Idee:
Schaffung eines wahren Zentrums durch Sammlung und Einbeziehung von
Umgebendem und Zeit.
1.2 Der Inhalt:
Gleichberechtigte Einbeziehung möglichst vieler Menschen der
Gemeinde unter Teilnahme am künstlerischen Gestaltungsprozeß. Errichten eines Objekts,
dessen Kern die prozeßbedingte Wahrheit des menschlichen Weges und die Verschmelzung von
Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ist.
1.3 Die Form:
Ein goldenes Feld, das sich aus dem Wasser kommend, in Richtung zum
religiösen Zentrum aufrichtet und im Winkel von 45 verweilt. Ein Wasserschleier an den
beiden Seitenkanten und an der Oberkante des Feldes unterstreicht die aufrichtende
Bewegung. Tagsüber strahlt die Goldfläche im Sonnenlicht und wird je nach
Lichteinfallswinkel und -intensität eine vielfältige visuelle Wirkung zeigen. Nachts
wird das Feld mit einer im Boden des Wasserbeckens eingelassenen Lichtquelle
hinterleuchtet und als grünlich durchleuchtete Fläche erscheinen.
Das goldene Feld ist das Endprodukt eines Gestaltungsprozeßes,
welcher von Tausenden Gemeindebürgern gemeinsam vollzogen wurde.
Als ersten Teil des Gestaltungsprozesses schaffen die Kinder der
Gemeinde Bilder. Diese Bilder/Bildinhalte werden digital bearbeitet, mittels
Siebdrucktechnik auf Sicherheitsglasscheiben aufgebracht und zur Gänze blattvergoldet.
Anschließend werden diese Goldminen - Goldfelder Goldenen Minenfelder an vorher
festgelegten Örtlichkeiten in der Gemeinde für einen gewissen Zeitraum am Boden
aufgelegt. Durch das Begehen der Minenfelder werden im Lauf der Zeit die darunterliegenden
Bildinhalte freigelegt. Das Begehen ist ein skulptierender Vorgang und zweiter Teil des
Gestaltungsprozesses. Nach Ablauf der Gestaltungsfrist werden die Goldfelder entnommen und
mit einer zweiten Sicherheitsglasscheibe zu Verbundglasscheiben verschweißt. Die Spuren
der Menschen und die Bildinhalte der Kinder sind somit untrennbar miteinander verschmolzen
und konserviert.
Tagsüber werden die Spuren und Bildinhalte größtenteils vom im
Tageslicht glänzenden Gold überstrahlt. Nachts aber werden sie durch die Hinterleuchtung
als graphisches Element sichtbar und verweisen auf den stattgefundenen Gestaltungsprozeß.
Der menschliche Weg, die Phantasiewelt der Kinder, die Gemeinsamkeit und gleichzeitige
Individualität der beteiligten Menschen rücken in den Mittelpunkt der Betrachtung.
1.4 Der Begriff:
Die Idee und ihre Ausbildung in Form eines Brunnenobjekts tragen in
sich die Kraft, den Begriff "Der Goldbrunnen von Engerwitzdorf" entstehen zu
lassen.
Durch den inhaltlichen Aspekt der Beteiligung aller Generationen der
Gemeinde einerseits (Mensch) und die dauerhafte Konservierung derer Kunstproduktionen
durch das Einschmelzen der "goldenen Spiegelflächen" in Verbundglas
andererseits (Zeit) entsteht eine in die Zukunft weisende Dynamik. Die Bildinhalte der
Kinder begleiten deren Lebensweg ebenso wie die eingeschmolzenen Spuren der Erwachsenen.
Es ist der untrennbar verschmolzene Zeitkern des Brunnens, dessen Ausstrahlung die
Menschen der Gemeinde als gemeinsam geschaffener Begriff auf ihrem Lebensweg in die
Zukunft begleiten wird.
2.0 Umsetzung:
2.1
Die Kinder der Gemeinde Engerwitzdorf gestalten freie graphische
Arbeiten (eine Ausbreitung auf alle Kinder im Kindergarten- und Volksschulalter wäre
wünschenswert, ebenso ist eine Einbeziehung in die pädagogische Betreuung und die Wahl
eines Themas vorstellbar). Anschließend erfolgt meinerseits die Aufarbeitung aller
entstandenen Zeichnungen auf 24 komprimierte Bildinhalte und deren technische Umsetzung
für Siebdruck. Ausnahmslos alle Arbeiten der Kinder werden in das Projekt
gleichberechtigt eingebunden. Jeder Bildinhalt wird auf zwei Bildträger mittels
Siebdrucktechnik aufgebracht. Es entstehen 48 Tafeln mit 24 verschiedenen Motiven. Als
Bildträger dienen 500 x 500 x 5 mm Einscheibensicherheitsgläser. Die Vergoldung der
bedruckten Glastafeln geschieht in der Weise, daß die Bildinhalte zur Gänze mit
Blattgold (23-karätiges Dukatendoppelgold) überzogen werden und somit nicht mehr
sichtbar sind.
2.2
Es folgt das Aufteilen der 48 "Goldtafeln" in zwei
Hälften mit jeweils 24 Bildinhalten und das anschließende Auflegen der Tafeln an zwei
noch zu bestimmenden Örtlichkeiten im Gemeindegebiet - zwei Gold-Minenfelder entstehen.
Anschließendes Begehen der nun goldenen Bodenschwellen/Arbeitsflächen von den
Gemeindebürgern für die Dauer einer vorher festgelegten Gestaltungsfrist. Nach Ablauf
der Frist werden die Arbeiten entnommen und fotografisch dokumentiert (auch ein
anderweitiger Aufteilungsschlüssel der Gestaltungsorte wäre vorstellbar).
2.3
Die nun fertig gestalteten und dokumentierten Tafeln werden jeweils
mit einem zweiten Einscheibensicherheitsglas zu einer 10 mm Verbundsicherheitsglasscheibe
verschmolzen. Die Spuren - der menschliche Weg - aller beteiligten Gemeindebürger
und die Bildinhalte der Kinder werden damit symbolisch und praktisch untrennbar
miteinander verbunden und konserviert.
2.4
Erneutes Aufteilen der nun - von den Bürgern der Gemeinde gemeinsam
- gestalteten 48 Tafeln in zwei Hälften. Es zeigen sich 2 x 24 Kunstobjekte mit jeweils 2
gleichen Bildinhalten. Durch die unterschiedlichen Gestaltungsorte und Spuren wurden
jedoch 48 Unikate geschaffen. Anschließendes Aufrichten der einen Hälfte zum zentralen
Kern des Brunnens.
Der Brunnen besteht aus einem Edelstahlbecken mit den Maßen von 300
x 350 x 80 cm. Eine Umrandung aus Sichtbeton mit den Maßen 50 x 50 cm dient als Sitz- und
Ruhefläche. Das 200 x 300 cm große, goldene Feld erhebt sich im Winkel von 45 aus dem
Wasser. Das Goldfeld ist wasserdicht in einen Edelstahlrahmen eingebunden und liegt in
einem wasserführenden Trägerrahmen, welcher durch den Wannenboden mit dem Fundament
verschraubt ist. An der Oberkante und den beiden Seitenkanten tritt Wasser aus dem
Trägerrahmen. Es soll so der Charakter einer aufrichtenden Bewegung symbolisiert werden.
Die Glasfläche besteht aus einer Sicherheitsverbund-glasscheibe als Schutzscheibe.
Darunter befindet sich die Verbundglascheibe mit dem "goldenen Kern", welche auf
einer Trägerscheibe liegt. Die gesamte Glasstärke wird ca. 40 mm betragen.
Die andere Hälfte der Goldfelder besteht nun aus 24 Wandobjekten,
welche inhaltlich wie materiell mit dem Brunnen in Verbindung stehen und so einen
Multiplikator der Grundidee bilden. Diese Arbeiten können von kunstsinnigen
Gemeindebürgern angekauft werden. Mit dem Kauf einer Arbeit entsteht eine Korrelation zum
Brunnen wie zu den anderen Arbeiten. Eine Präsentation der Arbeiten gemeinsam mit den
Zeichnungen der Kinder könnte im Zuge einer Ausstellung vor Ort gezeigt werden.
2.5
Die abschließende Erstellung einer Publikation in Form einer
Prozeßdokumentation "Der Goldbrunnen von Engerwitzdorf" ist als zusätzliche
Informationsebene und wesentlicher erweiternder Bestandteil der Grundidee, wie auch als
Multiplikator der Grundidee und repräsentatives PR-Material für die Gemeinde eine
wünschenswerte Aufgabe.
3.0 Abschlußgedanke:
Die schöpferische Beteiligung möglichst vieler Menschen aus der
Gemeinde am Brunnenprojekt sowie die Ankäufe der einzelnen Goldminen als Wandobjekte
führen in ideeller wie auch in materieller Hinsicht zu einer Identifikation mit der
Grundidee und damit zur dauerhaften Schaffung eines wahren Zentrums.
Die einzelnen Minen werden im gesamten Gemeindegebiet verstreut
sein. Es bildet sich ein Netz von Einzelobjekten, die - als Kondensationskerne für
Gedanken und Gefühle verstanden - mit dem Brunnen, seiner Idee und den von Kindern
geschaffenen Bildinhalten in dauerhafter Verbindung stehen und so eine Einheit bilden.
"So ist z.B. das Gold von spezifischer Schwere, bestimmter
Farbe, besonderem Verhältnis zu verschiedenartigen Säuren. Dies sind unterschiedene
Bestimmtheiten und dennoch schlechthin in Einem. Denn jedes feinste Teilchen Gold enthält
sie in untrennbarer Einheit. Für uns treten sie auseinander, an sich aber, ihrem Begriffe
nach sind sie in ungetrennter Einheit."
HEGEL Georg Wilhelm Friedrich,
"Vorlesungen über die Ästhetik" Bd. I
Erster Teil: >Die Idee des Kunstschönen
oder das Ideal<
Erstes Kapitel: >Begriff des Schönen
überhaupt<
1. Absatz: >Die Idee<, Seite: 148
Johannes Angerbauer, im Juni 1996