EINLEITUNG:

Im April 1996 wurde ich von der Gemeinde Engerwitzdorf eingeladen, mich an einem anonymen Wettbewerb zur Gestaltung eines Brunnens für den Ortsplatz Mittertreffling zu beteiligen.

Zu meiner Schande als gebürtiger Oberösterreicher mußte ich feststellen, daß mir der Gemeindename Engerwitzdorf unbekannt erschien und mir spontan als geographischer Anhaltspunkt der Truppenübungsplatz Treffling einfiel. Ich machte mich also auf den Weg, um den Ortsplatz von Mittertreffling zu suchen. In Untertreffling hielt ich an und fragte eine kleine Gruppe von drei Personen mittleren Alters, wie ich denn zum Zentrum von Treffling fahren müsse. Die drei lachten und eine Frau antwortete: "Wir haben hier in Treffling kein Zentrum, aber sie meinen vielleicht den neuen Ortsplatz von Mittertreffling. Da müssen sie geradeaus, und bei der Autobahnauffahrt dann links abbiegen".

Am so beschriebenen Ortsplatz angelangt, parkte ich vor der neu errichteten Kirche. Ich war spontan erstaunt über die architektonische Schönheit dieser Kirche und über die vielen Neubauten in der Umgebung. Hier ging es nicht nur um einen neuen Brunnen für einen Ortsplatz, sondern hier wurde eine ganze Ortschaft neu geschaffen.

Der Kirchenplatz war noch im Bau, und zwei kleine Kinder im Vorschulalter, ein Junge und ein Mädchen, spielten im matschigen Erdreich. Sie standen mit ihren gelben Stiefelchen in einer Schlammlache und spielten mit einem schwarzen Kunststoffrohr, das aus der Erde ragte. Ein starkes Gefühl von einer Einbindung der Kinder in das Wettbewerbsthema überkam mich. Eine Unruhe erfaßte mich, ich machte kehrt und fuhr, ohne mir die Kirche von innen betrachtete zu haben, Richtung heimwärts. Ein Hinweisschild mit der Aufschrift "Mahnmal" stach mir ins Auge. Ich folgte dem Schild und hielt vor einem Stein, welcher halbkreisförmig von rostenden Eisenquadern umgeben war. Es handelte sich um das Mahnmal für Opfer des NS-Regimes von Heimrad Bäcker. Das Zahn- und Beutegold der KZ-Opfer trat wieder in meinen Weg.

Am Freitag, den 26. April fand ein erstes Treffen mit den geladenen Kollegen, dem Bürgermeister, dem Amtsleiter, dem Ortsplaner und den Kultursprechern der Fraktionen statt. Ich fragte eine anwesende Dame, wo denn nun eigentlich das Zentrum von Engerwitzdorf sei. Als Antwort erhielt ich: "Wir haben hier in Engerwitzdorf zwei Zentren. Ein Zentrum liegt in Schweinbach, das andere Zentrum ist hier in Mittertreffling". Mit dem Gefühl, daß es mit der Schaffung einer Brunnenskulptur für den Ortsplatz nicht getan, sondern daß eine viel umfassendere Idee für dieses Projekt vonnöten sei, verließ ich dieses erste Treffen.

Ende Mai, bei einem Krankenhausaufenthalt in Wels, las ich in der mitgebrachten Schrift "Vorlesungen über die Ästhetik, Bd. I." von Hegel. Die Idee für die Schaffung eines wahren Zentrums durch den "GOLDBRUNNEN VON ENGERWITZDORF - EIN BEGRIFF" war geboren. Mit der Kennzahl 006612 (die letzte gezählte Einwohnerzahl der Gemeinde) brachte ich Konzept und Brunnenmodel zur Jurierung ein. Die Fachjury, bestehend aus Prof. Sepp Auer, Mag. Martin Hochleitner, Arch. Dipl.-Ing. Gunter Schrenk sowie aus Funktionären der Gemeinde, reihte meinen Entwurf an die erste Stelle.

Nach einer späteren Rückfrage erhielt ich die Auskunft, daß mein Modell als einziges von allen Jurymitgliedern eine Stimme bekommen hatte. Der verbindende Gedanke meiner Arbeit hatte Fuß gefaßt.

Im Juli fand eine Anhörung im Gemeindeamt von Engerwitzdorf statt. Vor diesem Termin fuhr ich nochmals zum Ortsplatz in Mittertreffling. Ich betrat erstmals die Kirche. Im Kreuzweg von Herbert Friedl fand ich die gläsernen Quadrate meiner "Brunnenidee" wieder, und im Altarbild erschien in der Bruchstruktur das Gold mit den Spuren.

Die Entscheidung über die endgültige Verwirklichung der eingereichten Brunnenentwürfe wird Anfang 1997 fallen und scheint von Finanzierungsfragen dominiert.

Meine beiden anderen "plazierten" Kollegen sind Christiane Friedrich und Christoph Fürst.

Johannes Angerbauer im Dezember 1996

 

 

KONZEPT:

"Der Goldbrunnen von Engerwitzdorf"

 -  ein Begriff:

"Denn der Begriff erlaubt es der äußeren Existenz in dem Schönen nicht, für sich selber eigenen Gesetzen zu folgen, sondern bestimmt aus sich seine erscheinende Gliederung und Gestalt, die als Zusammenstimmung des Begriffs mit sich selber in seinem Dasein eben das Wesen des Schönen ausmacht. Das Band aber und die Macht des Zusammenhaltes ist die Subjektivität, Einheit, Seele, Individualität."

HEGEL Georg Wilhelm Friedrich, "Vorlesungen über die Ästhetik",

Werke 13, Bd. I, 1.1.3 - >Die Idee des Schönen<. S.152

(Auf der Grundlage der Werke von 1832-1845)

 

1.0  Idee - Begriff

1.1  Die Idee:

Schaffung eines wahren Zentrums durch Sammlung und Einbeziehung von Umgebendem und Zeit.

1.2  Der Inhalt:

Gleichberechtigte Einbeziehung möglichst vieler Menschen der Gemeinde unter Teilnahme am künstlerischen Gestaltungsprozeß. Errichten eines Objekts, dessen Kern die prozeßbedingte Wahrheit des menschlichen Weges und die Verschmelzung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ist.

1.3  Die Form:

Ein goldenes Feld, das sich aus dem Wasser kommend, in Richtung zum religiösen Zentrum aufrichtet und im Winkel von 45 verweilt. Ein Wasserschleier an den beiden Seitenkanten und an der Oberkante des Feldes unterstreicht die aufrichtende Bewegung. Tagsüber strahlt die Goldfläche im Sonnenlicht und wird je nach Lichteinfallswinkel und -intensität eine vielfältige visuelle Wirkung zeigen. Nachts wird das Feld mit einer im Boden des Wasserbeckens eingelassenen Lichtquelle hinterleuchtet und als grünlich durchleuchtete Fläche erscheinen.

Das goldene Feld ist das Endprodukt eines Gestaltungsprozeßes, welcher von Tausenden Gemeindebürgern gemeinsam vollzogen wurde.

Als ersten Teil des Gestaltungsprozesses schaffen die Kinder der Gemeinde Bilder. Diese Bilder/Bildinhalte werden digital bearbeitet, mittels Siebdrucktechnik auf Sicherheitsglasscheiben aufgebracht und zur Gänze blattvergoldet. Anschließend werden diese Goldminen - Goldfelder  Goldenen Minenfelder an vorher festgelegten Örtlichkeiten in der Gemeinde für einen gewissen Zeitraum am Boden aufgelegt. Durch das Begehen der Minenfelder werden im Lauf der Zeit die darunterliegenden Bildinhalte freigelegt. Das Begehen ist ein skulptierender Vorgang und zweiter Teil des Gestaltungsprozesses. Nach Ablauf der Gestaltungsfrist werden die Goldfelder entnommen und mit einer zweiten Sicherheitsglasscheibe zu Verbundglasscheiben verschweißt. Die Spuren der Menschen und die Bildinhalte der Kinder sind somit untrennbar miteinander verschmolzen und konserviert.

Tagsüber werden die Spuren und Bildinhalte größtenteils vom im Tageslicht glänzenden Gold überstrahlt. Nachts aber werden sie durch die Hinterleuchtung als graphisches Element sichtbar und verweisen auf den stattgefundenen Gestaltungsprozeß. Der menschliche Weg, die Phantasiewelt der Kinder, die Gemeinsamkeit und gleichzeitige Individualität der beteiligten Menschen rücken in den Mittelpunkt der Betrachtung.

1.4  Der Begriff:

Die Idee und ihre Ausbildung in Form eines Brunnenobjekts tragen in sich die Kraft, den Begriff "Der Goldbrunnen von Engerwitzdorf" entstehen zu lassen.

Durch den inhaltlichen Aspekt der Beteiligung aller Generationen der Gemeinde einerseits (Mensch) und die dauerhafte Konservierung derer Kunstproduktionen durch das Einschmelzen der "goldenen Spiegelflächen" in Verbundglas andererseits (Zeit) entsteht eine in die Zukunft weisende Dynamik. Die Bildinhalte der Kinder begleiten deren Lebensweg ebenso wie die eingeschmolzenen Spuren der Erwachsenen. Es ist der untrennbar verschmolzene Zeitkern des Brunnens, dessen Ausstrahlung die Menschen der Gemeinde als gemeinsam geschaffener Begriff auf ihrem Lebensweg in die Zukunft begleiten wird.

2.0 Umsetzung:

2.1

Die Kinder der Gemeinde Engerwitzdorf gestalten freie graphische Arbeiten (eine Ausbreitung auf alle Kinder im Kindergarten- und Volksschulalter wäre wünschenswert, ebenso ist eine Einbeziehung in die pädagogische Betreuung und die Wahl eines Themas vorstellbar). Anschließend erfolgt meinerseits die Aufarbeitung aller entstandenen Zeichnungen auf 24 komprimierte Bildinhalte und deren technische Umsetzung für Siebdruck. Ausnahmslos alle Arbeiten der Kinder werden in das Projekt gleichberechtigt eingebunden. Jeder Bildinhalt wird auf zwei Bildträger mittels Siebdrucktechnik aufgebracht. Es entstehen 48 Tafeln mit 24 verschiedenen Motiven. Als Bildträger dienen 500 x 500 x 5 mm Einscheibensicherheitsgläser. Die Vergoldung der bedruckten Glastafeln geschieht in der Weise, daß die Bildinhalte zur Gänze mit Blattgold (23-karätiges Dukatendoppelgold) überzogen werden und somit nicht mehr sichtbar sind.

2.2

Es folgt das Aufteilen der 48 "Goldtafeln" in zwei Hälften mit jeweils 24 Bildinhalten und das anschließende Auflegen der Tafeln an zwei noch zu bestimmenden Örtlichkeiten im Gemeindegebiet - zwei Gold-Minenfelder entstehen. Anschließendes Begehen der nun goldenen Bodenschwellen/Arbeitsflächen von den Gemeindebürgern für die Dauer einer vorher festgelegten Gestaltungsfrist. Nach Ablauf der Frist werden die Arbeiten entnommen und fotografisch dokumentiert (auch ein anderweitiger Aufteilungsschlüssel der Gestaltungsorte wäre vorstellbar).

2.3

Die nun fertig gestalteten und dokumentierten Tafeln werden jeweils mit einem zweiten Einscheibensicherheitsglas zu einer 10 mm Verbundsicherheitsglasscheibe verschmolzen. Die Spuren - der menschliche Weg -  aller beteiligten Gemeindebürger und die Bildinhalte der Kinder werden damit symbolisch und praktisch untrennbar miteinander verbunden und konserviert.

2.4

Erneutes Aufteilen der nun - von den Bürgern der Gemeinde gemeinsam - gestalteten 48 Tafeln in zwei Hälften. Es zeigen sich 2 x 24 Kunstobjekte mit jeweils 2 gleichen Bildinhalten. Durch die unterschiedlichen Gestaltungsorte und Spuren wurden jedoch 48 Unikate geschaffen. Anschließendes Aufrichten der einen Hälfte zum zentralen Kern des Brunnens.

Der Brunnen besteht aus einem Edelstahlbecken mit den Maßen von 300 x 350 x 80 cm. Eine Umrandung aus Sichtbeton mit den Maßen 50 x 50 cm dient als Sitz- und Ruhefläche. Das 200 x 300 cm große, goldene Feld erhebt sich im Winkel von 45 aus dem Wasser. Das Goldfeld ist wasserdicht in einen Edelstahlrahmen eingebunden und liegt in einem wasserführenden Trägerrahmen, welcher durch den Wannenboden mit dem Fundament verschraubt ist. An der Oberkante und den beiden Seitenkanten tritt Wasser aus dem Trägerrahmen. Es soll so der Charakter einer aufrichtenden Bewegung symbolisiert werden. Die Glasfläche besteht aus einer Sicherheitsverbund-glasscheibe als Schutzscheibe. Darunter befindet sich die Verbundglascheibe mit dem "goldenen Kern", welche auf einer Trägerscheibe liegt. Die gesamte Glasstärke wird ca. 40 mm betragen.

Die andere Hälfte der Goldfelder besteht nun aus 24 Wandobjekten, welche inhaltlich wie materiell mit dem Brunnen in Verbindung stehen und so einen Multiplikator der Grundidee bilden. Diese Arbeiten können von kunstsinnigen Gemeindebürgern angekauft werden. Mit dem Kauf einer Arbeit entsteht eine Korrelation zum Brunnen wie zu den anderen Arbeiten. Eine Präsentation der Arbeiten gemeinsam mit den Zeichnungen der Kinder könnte im Zuge einer Ausstellung vor Ort gezeigt werden. 

2.5

Die abschließende Erstellung einer Publikation in Form einer Prozeßdokumentation "Der Goldbrunnen von Engerwitzdorf" ist als zusätzliche Informationsebene und wesentlicher erweiternder Bestandteil der Grundidee, wie auch als Multiplikator der Grundidee und repräsentatives PR-Material für die Gemeinde eine wünschenswerte Aufgabe.

3.0 Abschlußgedanke:

Die schöpferische Beteiligung möglichst vieler Menschen aus der Gemeinde am Brunnenprojekt sowie die Ankäufe der einzelnen Goldminen als Wandobjekte führen in ideeller wie auch in materieller Hinsicht zu einer Identifikation mit der Grundidee und damit zur dauerhaften Schaffung eines wahren Zentrums.

Die einzelnen Minen werden im gesamten Gemeindegebiet verstreut sein. Es bildet sich ein Netz von Einzelobjekten, die - als Kondensationskerne für Gedanken und Gefühle verstanden - mit dem Brunnen, seiner Idee und den von Kindern geschaffenen Bildinhalten in dauerhafter Verbindung stehen und so eine Einheit bilden.

"So ist z.B. das Gold von spezifischer Schwere, bestimmter Farbe, besonderem Verhältnis zu verschiedenartigen Säuren. Dies sind unterschiedene Bestimmtheiten und dennoch schlechthin in Einem. Denn jedes feinste Teilchen Gold enthält sie in untrennbarer Einheit. Für uns treten sie auseinander, an sich aber, ihrem Begriffe nach sind sie in ungetrennter Einheit."

HEGEL Georg Wilhelm Friedrich, "Vorlesungen über die Ästhetik" Bd. I
Erster Teil: >Die Idee des Kunstschönen oder das Ideal<
Erstes Kapitel: >Begriff des Schönen überhaupt<
1. Absatz: >Die Idee<, Seite: 148

 

Johannes Angerbauer, im Juni 1996

 


Der "Goldbrunnen von Engerwitzdorf" wurde nicht realisiert. Die Idee des Goldbrunnens bleibt jedoch ungebrochen und sieht ihrer Realisierung an einem reiferen Ort entgegen.

Bei Interesse bitte ich um Kontaktaufnahme unter Betreff "Goldbrunnen" an meine Mail Adresse:  johannes@socialgold.com

 

Johannes Angerbauer, im Jänner 2001

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