| Aktion
"Kristalltag"
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| Zum Thema:
"Heimat - Vertriebene - Kristallnacht"
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| 1. Vergangenheit als Fundament | ||
| 2. Gegenwart als Gebäude | ||
| 3. Zukunft als Dach | ||
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| 1.
Vergangenheit als Fundament
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| Herschel Grynszpan,
ein polnisch-deutscher Jude im Alter von 17 Jahren, verübte in der deutschen Botschaft in
Paris am 7. November 1938 ein Schussattentat auf den deutschen Legationssekretär Ernst
vom Rath.Vom Rath erlag den zwei Bauchschüssen zwei Tage später. Dieses Attentat war der
(willkommene) Auslöser für Joseph Goebbels, einen eigenmächtig inszenierten
Propagandafeldzug gegen die jüdische Bevölkerung zu starten. Der sich daraus
entwickelnde Pogrom an den Juden ging - als Anspielung auf das viele dabei zerbrochene
Glas - als "Kristallnacht" in die Menschheitsgeschichte ein.
Diese Nacht vom 9. auf 10. November 1938 kann als eigentliche Geburtsstunde des Holocaust
gesehen werden.
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| Zur Vergangenheit: Herschel Feibel Grynszpan wurde in Hannover geboren. Seit seinem 14. Lebensjahr war er vergeblich auf der Suche nach Arbeit und Unterkunft. Als Jude wurde ihm beides verwehrt. Ebenso wurde sein Antrag auf Einreise nach Palästina abgelehnt. Im Juli 1936 reiste er mit polnischem Pass und deutschem Ausreisevisum zu Verwandten nach Paris. Als er hörte, daß die Franzosen und Deutschen die Einreise für Juden verweigerten, reiste er über Brüssel illegal in Frankreich ein. Obwohl sein Onkel für Herschel's finanzielle Sicherheit und Unterkunft bürgte, erhielt er keine Aufenthaltsbewilligung. Am 11. August 1938 wurde ihm von der französischen Behörde befohlen, Frankreich innerhalb von 4 Tagen zu verlassen. Da sein deutsches Visum und sein polnischer Pass abgelaufen waren und nicht mehr verlängert wurden, versteckte er sich in einer leeren Dachstube, wo er heimlich als nunmehr Heimatloser leben musste. Ein Ereignis in den letzten Tagen des Oktobers führte ihn dann zur Verzweiflungstat. Grynszpan's Eltern, seine Schwester und sein Bruder, die noch immer in Hannover lebten, wurden am 27. Oktober von der Gestapo überfallsartig enteignet und aus ihrer Wohnung vertrieben. Gemeinsam mit tausenden anderen polnischen Juden wurden sie zur polnischen Grenze abtransportiert. Da die polnischen Behörden jedoch die Einreise für Juden verweigerten, mußten die Vertriebenen an der Grenze oder im Niemandsland in der Kälte lagern. Grynszpan wurde von diesen Ereignissen durch die jüdische Zeitung in Paris informiert. Ein Brief seiner Schwester, den er am 3. November erhielt, löste dann den spontanen Entschluss zu seinem Attentat aus. Seine Schwester beschrieb darin das Leid seiner Familie und bat ihn um finanzielle Hilfe. (gefunden unter: http://www.roizen.com/ron/grynszpan.htm) Grynszpan kaufte sich daraufhin einen Revolver und ging am 7. November 1938 in die Deutsche Botschaft mit der Absicht, ein Attentat auf den deutschen Botschafter zu verüben. Dieser war jedoch nicht anwesend, so wurde der dritte Botschaftssekretär Ernst vom Rath (eigentlich selbst ein Regimekritiker und daher von der Gestapo überwacht) das Opfer seines Anschlags. Vom Rath erlag den Verletzungen zwei Tage später, am 9. November 1938.
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| Der Sarg mit dem Leichnam
vom Raths wurde in einem Sonderzug von Paris nach Berlin gebracht. Entlang der
Eisenbahnstrecke von der französischen Grenze bis nach Berlin standen die Angehörigen
aller deutschen Parteiformationen Schulter an Schulter und gaben ihre Ehrenbezeugungen.
"Noch nie ist mit einem Toten so viel Propaganda gemacht worden (1)" Goebbels gab den zuständigen Parteistellen die Weisung, "spontane Demonstrationen" zu organisieren. In dieser Weisung war die Vorgangsweise bereits detailliert festgelegt. Die Ausschreitungen sollten bis 5 Uhr Früh beendet sein. Die Perfektion, mit der die Zerstörungsaktionen und die NS-Presse in so kurzer Zeit auf das Attentat reagierten, liess den Verdacht aufkommen, daß ein Pogrom in diesem Ausmass schon vor dem Attentat geplant worden war. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurden im ganzen deutschen Reich Tempel angezündet, jüdische Geschäfte geplündert und kleingeschlagen. NS-Banden drangen in Wohnungen ein, Hausdurchsuchungen wurden durchgeführt. Tausende Juden wurden verhaftet (in "Schutzhaft" genommen) und in Konzentrationslager transportiert, viele wurden getötet. Die Opfer selbst wurden später für den verursachten Schaden verantwortlich gemacht und zur Wiedergutmachung in Millionenhöhe aufgefordert. Der eigentliche Schrecken des Holocaust hatte damit begonnen.
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| 2. Gegenwart
als Gebäude
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| Eine Kunstaktion, aufbauend
auf einen Bildinhalt, in welchem die Themenbegriffe "Heimat",
"Vertriebene" und "Kristallnacht"
mittels Gold verschmelzen. Die Revolverschüsse des 7. November 1938 und das
darauffolgende Klirren der Kristallnacht des 9. November 1938 werden sechzig Jahre später
durch einen Knall und ein darauffolgendes Knistern schlagartig vereint. Dieser Knall wird,
als das eigentliche Werk an sich, in Form einer Audiodatei ins Internet gestellt und darin
weitertransportiert.
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| Zur Gegenwart: Der Bildinhalt zur Aktion stammt aus dem Internet. Ich fand ihn auf der Homepage des "ShoaNet - Holocaust Biographien -G-". Der dortige Ursprungshinweis auf das Buch "Kennzeichen J" mit der Seitenangabe "98" festigte die Verwendung des Motivs - ein Bild von Herschel Grynszpan bei seiner Verhaftung - als Bildinhalt. Das Bild wurde in der Folge von mir "online gestohlen" und in zwei Schritten digital bearbeitet. 1. Schritt: Schwarz und Grau durch
Gelb ersetzen |
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| Die Farbe Gelb steht hier
nicht nur in einem themenbezogenen, historischen Zusammenhang. Gelb steht für die
Wechselbeziehung von Gelb und Gold, für die Verschmelzung von Bild- und Gestaltungsebene.
Der Bildinhalt steht als Transportmittel für Kunst, Zeit und Wahrheit.
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| 3. Zukunft
als Dach
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| Eine einseitig
blattvergoldete Verbundsicherheitsglasscheibe mit der Grösse von 50x50x1cm (bestehend aus
zwei miteinander verbundenen Sicherheitsglasscheiben mit 50x50x0,5cm), unter dem Blattgold
befindet sich der anfangs gänzlich vom Gold bedeckte, somit unsichtbare Bildinhalt.
Im Sicherheitsglas herrscht produktionsbedingte Spannung, Bildinhalt und Gold reflektieren
diese Spannung nach aussen.
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| Ab 7. November 1998
werden Menschen, welche selbst das Schicksal einer Vertreibung erleiden mussten gebeten,
ihre Spuren auf dieser Goldfläche zu hinterlassen. Sie werden als Gestalter an einem
Kunstwerk mit ihrer persönlichen Spur - dem Symbol ihres Weges - ein positives Zeichen
setzen, welches im Zusammenhang mit zukünftigen Ereignissen als Mahnung für Toleranz und
Besinnung dienen soll. Die Goldfläche wird von Ort zu Ort, von
Mensch zu Mensch wandern.
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| Am 9. November 1998
wird eine Person einen weiteren Gestaltungsvorgang einleiten. Mit einem Schlag auf die
Goldfläche wird die obere Sicherheitsglasscheibe des Verbundglases mit einem lauten Knall
zerbersten - die Spannung wird gelöst. Durch die sich anschliessend im Glas fein
verästelnden Bruchlinien wird ein kurzes Knistern hörbar sein. Die vom Einschlag
ausgehenden Risse ziehen sich durch alle Spuren und verbinden sie dabei - umgekehrt
zentrieren sich so alle Spuren im Schlag. Der Schlag steht stellvertretend für die
Schicksalsschläge aller Vertriebenen, der darauffolgende Knall vereint die Schüsse des
Attentats mit dem Klirren der Glasscheiben in der Reichskristallnacht. Als Aktionsort soll eine in Beziehung zum Thema stehende, private Wohnung dienen. Ein sehr kleiner Kreis von Personen wird anwesend sein. Die Intimsphäre der Wohnung und die geringe Personenanzahl stehen in Polarität mit der Öffentlichkeit des Internet und der globalen Bedeutung des Themas.
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| Ab 10. November
1998 um 5.00 Uhr früh wird dieser Knall als eigentliches
Kunstwerk in Form einer Audiodatei ins Netz gestellt. Diese Datei kann und soll sich von hier durch die dem
Internet typische "Entladungsmöglichkeit" ausbreiten. Sie soll ihren Platz auf
den Homepages der Welt finden als ein positives (Propaganda-) Symbol des: "Niemals
wieder - im Kleinen wie im Grossen". Der Titel "Kristalltag" steht für das - das vergangene Dunkel der Nacht vertreibende - goldene Licht der Zukunft.
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J. Angerbauer, Oktober 1998 |
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