Ideenskizze

zu einem sozialen Kunstprojekt
für die Olympischen Spiele in Sydney

(skizziert und notiert im Herbst 1996)

 


EINLEITUNG

Seit jeher unsportlich, an Wettkämpfen denkbar uninteressiert und daher bislang ohne besondere Anteilnahme an den vergangenen olympischen Spielen, schaltete ich im Sommer 1996 eher nebenbei das Fernsehgerät ein. Es lief gerade die Übertragung der Schlußfeierlichkeiten von den Olympischen Spielen in Atlanta. Ich sah Menschen tanzend erdfarbene Blüten bilden und die bewegten Elemente Wasser, Luft, Erde und Feuer darstellen. Die innere Schönheit der Darbietung ließ mich bei diesem Fernsehkanal verweilen. Am Schluß der Feierlichkeiten waren in zahlreichen Überblendungen die Siegesmomente der zu Ende gegangenen Spiele zu sehen. Der Kommentator sprach von den kommenden Olympischen Spielen in Sydney, es werden die 27-sten sein.

Da durchfuhr es mich wie ein Blitz. Die Gesichter der Olympioniken im Augenblick des Sieges - der Schmerz, die totale körperliche Verausgabung, ein gleichzeitiges Erkennen, die Freude Weltbester/Sieger zu sein. Die 27, die Zahl - meine Zahl -, welche mich seit 1989 auf meinem künstlerischen Weg begleitet, meinen Weg bestimmt (seit 1989 wird immer, wenn ein Freitag auf den 27-sten fällt, von mir ein "Transformator" stationiert - eine Handlung vollzogen - Gold der Erde zurückgegeben). Ich sah zahllose Menschen auf einer goldenen Bahn in ein Stadion ziehen und durch ihren Weg, mit ihren Spuren die unter der Blattgoldschicht befindlichen Bildinhalte freilegen ® die Gesichter der Sieger im Augenblick des Sieges. Ich sprang auf, zog hocherregt meine Kreise, ging in die Küche und erblickte die Getränkedose eines bekannten Olympiasponsors - "Go for the Gold"... "Walk on Gold"...

die Idee einer "T.A. Olympia" war geboren.


IDEE

Australische Ureinwohner und Athleten aus allen Erdteilen gehen gemeinsam beim Einzug in das Stadion über eine vergoldete Bahn. Durch das Begehen erfolgt eine Erosion der Blattgoldschicht. Die unter dem Gold befindlichen und anfangs unsichtbaren Bildinhalte werden partiell freigelegt. Nach dem Begehen wird die goldene Bahn abgebaut. Die Spuren der Menschen auf den vergoldeten Bildträgern werden anschließend konserviert und die so entstandenen Kunstobjekte als Wandskulpturen aufgerichtet. Im Licht wird die Schönheit der Wahrheit erscheinen und sich über den gesamten Erdball verteilen.


ENTWICKLUNG

Das Grenzüberschreitende, das Gemeinsame - Verbindende, der Friedensgedanke, der Ursprung der Olympischen Idee, der Ursprung des Begriffs: der Olymp (das Fremdwörterbuch, der Duden, definiert den Begriff als "geistiger Standort, an dem man sich weit über anderen zu befinden glaubt"), die Olympiade (als eine "Zeitspanne von 4 Jahren, nach deren jeweiligem Ablauf im Griechenland der Antike die Olympischen Spiele gefeiert wurden"), olympisch (als "göttergleich, hoheitsvoll, erhaben"), alles ein goldener Zugang zur Initialidee der T.A.

Der Mensch, die Wahrheit, die Evolution der Kunst im sozialen Feld - der erweiterte Goldbegriff als globales und transglobales Symbol für Menschlichkeit. Die Schönheit der im Gestaltungsprozeß liegenden Wahrheit transformiert und konserviert in tausenden Wandobjekten, welche Wege in die Zukunft weisen.


UMSETZUNG

1 - Bildträger:

Als Bildträger werden 50 x 50 cm große Sicherheitsglasscheiben verwendet. Das Glas weist auf etwas entmaterialisierendes, es weist auf Licht.

2 - Bildinhalte:

Die Bildinhalte werden gefunden.

Im Laufe des mehrjährigen Arbeitsprozesses werden tausende Bildinhalte auftauchen, gesammelt und sortiert. Die Bildinhalte werden meinen "Walkabout", meinen Weg der Kunst dokumentieren.

Die Bildinhalte werden mittels Siebdruck auf die Bildträger aufgebracht. Als Thema könnten zum Beispiel die Schönheit des Australischen Kontinents, seine kulturellen Zeichen, die Zeichen der Ureinwohner, wie auch Bilder aus Wirtschaft und Industrie stehen.

Bilder aus den 26 vorangegangenen Olympiaorten sollen ebenso wie andere, im Zuge des Arbeitsprozesses auftauchende Bilder auf Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft weisen und die Begriffe Gold, Mensch, Zeit und Ort beinhaltende Bildinhalte bilden.

3 - Blattgold:

Die bedruckten Bildträger werden mittels 23-karätigem Blattgold - Dukaten Doppel Gold - vergoldet. Die Bildinhalte verschwinden unter der Blattgoldschicht. Es entstehen Werkzeuge, Dinge an sich, welche auf ihren Einsatz zur Wandlung warten.

In jedem Stück dieses Blattgolds ist seit Jahrtausenden menschliches Leid eingeschmolzen. Es manifestiert sich darin die Ambivalenz der Werte und die goldgetriebene Geschichte der Menschheitsentwicklung. Die Rückkehr des Goldes zur Erde ist als Wiedergutmachung, als Reinigung, Opfer, zu verstehen.

4 - Gestaltungsprozeß:

Durch das Begehen der Goldflächen findet eine Erosion der Goldschicht statt. Die unter dem Gold befindlichen Bildinhalte werden partiell sichtbar. In jeder Spur, in jedem feinsten Kratzer, im sichtbaren wie auch unsichtbaren - molekularen - Bereich manifestiert sich die Rückkehr des Goldes zur Erde. Der menschliche Weg wird hier zu einem skulptierenden Vorgang, zu einem schöpferischen Weg.

Die Spuren aller beteiligten Menschen vermischen sich gleichberechtigt. Jeder Mensch ein Künstler.

5 - Konservierungsprozeß:

Nach dem Begehen werden die Glasobjekte entnommen, in Container sorgfältig verpackt und am gleichen Tag wieder zurück nach Österreich geflogen. In der Glasfabrik werden die einzelnen Glasscheiben mit einer zweiten Sicherheitsglasscheibe zu Verbundsicherheitsglas verschmolzen. Es zeigen sich nun 10 mm dicke Verbundglasobjekte mit einem goldenen Kern, welcher den gemeinsamen Weg aller beim Einzug in das olympische Stadion beteiligten Menschen und die damit in Verbindung gebrachten Bildinhalte birgt. Die Spuren sind nun konserviert. Die Polarität des Augenblicks der Gestaltung und dessen Schutzbedürftigkeit durch Schutz mittels Verbundsicherheitsglas wird fühlbar.

6 - Edelstahlrahmen:

Die Verbundsicherheitsglasobjekte sind gegenüber einer mechanischen Zerstörung sehr widerstandsfähig. Der Schwachpunkt ist die Glaskante. Um die Konservierung des Goldkerns bestmöglich zu vervollständigen, ist ein Schutz dieser Kanten notwendig. Die Rahmung mit einem Edelstahlrahmen setzt den gestalterischen Schlußpunkt. Mit dieser Rahmung wird nicht nur der Schutz des Goldkerns endgültig erreicht, es findet damit auch die letztendliche Mutation vom Bodenobjekt zur Wandskulptur statt und gleichzeitig wird dessen Richtung bestimmt.

7 - Aufrichtung:

Nach Verbundprozeß und Rahmung - Konservierung und Mutation - werden alle Wandskulpturen wieder in Container verladen und zurück nach Sydney geflogen. Rechtzeitig zum Schluß der Olympischen Spiele werden die verbindenden Zeichen des Anfangs als zukunftsweisende Kunstwerke der Gegenwart an ihrem Gestaltungsort angelangt sein.

Aufgerichtet zur Wandskulptur bietet sich je nach Lichteinfallswinkel und Lichtmittel dem Rezipienten ein völlig anderes visuelles Erscheinungsbild von der gleichen Skulptur. Strahlt die Lichtquelle aus einem steilen Winkel von oben auf die Skulptur, wird sie hinterleuchtet und es erscheint eine grau-grüne, grafisch wirkende Fläche. Bei dieser Lichtsituation tritt das gewohnte Gold als Gestaltungselement in den Hintergrund. Es dominiert der menschliche Weg als grafisches Element, die feinsten Spuren werden sichtbar und verschmelzen mit dem Bildinhalt. Strahlt die Lichtquelle von vorne auf die Wandskulptur, überstrahlt das Gold die feinsten Spuren und den Bildinhalt. Es zeigt sich, je nach Lichtwinkel und Quelle, eine immer wieder anders erscheinende Goldfläche, die auf den lebendigen Kern und dessen Gestaltungsprozeß verweist.

Das Aufrichten der Wandskulpturen ist mit einem evolutionären, auch schmerz-beladenen Aufrichten vergleichbar.

Tausende Wandobjekte werden - aufgerichtet im Licht - weltweit, die Schönheit der Wahrheit des Gestaltungsprozesses in die Zukunft transportieren.


ERWEITERUNGEN

Aus kunstphilosophischer Sicht ist die am Boden liegende, goldene Fläche anfangs - vor dem ersten Begehen - ein Werkzeug und als >Zeug< dem >Ding an sich< sehr nahe. Erst durch das Begehen mutiert es zum >Werk< und erhält damit den eigentlichen, wahren Wert - den Wert der Wahrheit.

Austria und Australia. Am Beginn des kleinen europäischen Staates und des großen Kontinents steht das beide Begriffe verbindende Buchstabenpaar Au, das globale, chemische Zeichen für das Element Aurum - Gold.

Durch den Flugtransport der begangenen Objekte von Sydney nach Österreich und den anschließenden Rücktransport der fertigen Wandskulpturen von Österreich nach Sydney umkreisten die Spuren der am Einzug beteiligten Menschen während der Dauer der Olympischen Spiele einmal den Erdball.

Australische Ureinwohner und Athleten aus allen Erdteilen eröffnen die 27sten Spiele. Am Beginn der Olympischen Spiele wird der Einzug in das Stadion stehen. Die Olympioniken, die Herzen voller Hoffnung, das goldene Ziel vor Augen, einen dornenvollen Weg mit härtestem Training und Selbstdisziplin hinter sich. Die Ureinwohner - auch anderer Kontinente - einen goldenen, schmerzbeladenen Weg des Leids, der Diskriminierung hinter sich, die Hoffnung vor Augen.

Ein gewisser Prozentsatz des Verkaufserlöses muß karitativen, sozialen Projekten zugute kommen. Das Leid an der Ressource des Goldes wird durch die Kunst das menschliche Leid an den Grenzen der Gesellschaft lindern.

 

Johannes Angerbauer, "Aufzugswart"

1996/1997