Die Goldene Harfe
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I. (Seite 7)
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| Grünsilbern, von einem Rosenschimmer überhaucht, glitzern in der Morgenfrühe die Wellen des mächtigen Stromes, der hier in einem gewaltigen Bogen der Stadt zufließt. Jenseits der Wasserfläche dehnt sich die reiche, schöne rheinische Kunststadt, im Halbrund breit hingelagert, und spiegelt sich im Strom. Kuppeln und Türme ragen hinein in die schleiernden Morgennebel, die in hauchzarten Farbtönen schimmern. |
| Ich lasse den entzückenden Blick hingleiten über die eilenden, flüsternden Silberwellen. Kein Lastschiff furcht den gleißenden Spiegel. Nur zwei helle Segel stehen wie weiße Schwäne, die ins Morgenrot schauen. |
| Ein Glockenton zittert fern über das Wasser her: der zarte Klang eines
Klosterglöckleins, das
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| an diesem Festtagmorgen fromm den Angelus betet. |
| da schwingt eine zweite Glocke mit vollerem Jubelton hinein. Eine dritte, vierte nimmt den Klang auf. Tiefere, dunklere Glocken schlagen an. Und nun ist plötzlich die ganze Stadt erwacht. Immer mehr Glocken fangen an, ihren Morgenpsalm zu singen. Von allen Türmen wogt ein feierliches Geläute: Laudate! Jubilate! Excelsior! Die ganze Luft ist erfüllt von Melodie und Klang und Harmonie. Und über die weite Wasserfläche wogen die Tonwellen zu mir her .... Die Stadt betet. |
| Ergriffen falte ich die Hände. Nein, in der Stadt selbst hört man nicht
so das überwältigende Zusammenklingen aller Glocken! Da sinken die Stimmen in das
Straßengewirr; da sperren die Häuserzeilen die Schallwellen der Ferne ab.
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| Von weitem muß man dem machtvollen Morgenhymnus lauschen, um seinen ganzen Schönheitsrhytmus in die Seele aufzunehmen! Das singt und klingt in der Luft, als schwebe dort ein unsichtbarer Engelchor. Das braust und hallt, das stürmt und wogt und jubelt wie das melodische Rauschen vieler Wasser - nein, wie ein Orgelchoral - nein, wie eine einzige Riesenharfe zum Lobe Gottes! |
| Eine Harfe des Gotteslobes! ... |
| Ich sinne dem Worte nach. Unwillkürlich tastet meine Hand nach meinem
Psalmenbuch. Und auch aus seinen Blättern beginnt es zu singen und zu klingen mit süßem
Harfengetön, mit dem Schmettern der Silberposaunen, mit dem Jubelklang von Zithern und
Flöten. Und rauscht von den Jahrtausenden her in das Glockengeläute hinein:
"Alleluja! Lobt den Herrn! Lobt ihn mit Posaunenschall, lobet ihn
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(Seite 10)
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| mit Harfe und Zither! Lobet ihn mit Pauken und Reigen, lobet ihn mit Saitenspiel und Flöten! Lobet ihn mit hellklingenden Zymbeln, lobet ihn mit jubelvollen Zymbeln. Alles was Odem hat, lobet den Herrn! Alleluja!" (Ps. 150.) |
| Und brausende Klänge dröhnen und rufen über Land und Wasser in die Weiten: |
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| Nun ist auch m e i n Herz gestimmt, nun ist meine Seele beflügelt, sich
zu Gott emporzuschwingen und sein Lob zu singen. "Mein Herz ist bereit, o Gott, mein
Herz ist bereit! Ich will preisen und Psalmen singen; das ist meine Ehre. Ja, meine Ehre,
wach' auf ! Psalter und Harfe, wachet auf ! Die Morgenröte will ich
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(Seite 11)
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| erwecken !" (Ps. 107.) |
| Und alle Fibern meines Innern schwingen im Gleichklang der Feierworte aus uralten Zeiten und der Glockenakkorde dieser Morgenfrühe. |
| Meine Hände verschränken sich wieder. Ja, die unvergleichlichen Psalmen
! Das ist eine Harfe, gewaltiger als diese Glockensymphonie ! Gibt es auf der ganzen
Welt einen Ausdruck würdigeren Gotteslobes als die in der Weltliteratur einzig
dastehenden Gesänge des Alten Testamentes, inspiriert vom Heiligen Geiste, der "mit
unaussprechlichen Seufzern in uns betet", gedichtet und auf der goldenen
juwelenfunkelnden Harfe gesungen von David, dem gottgeliebten königlichen Dichter und
Sänger, und nach ihm von anderen gottentflammten Männer, die auf den Höhen ihres Volkes
wandelten und seine leidenschaftliche Seele, seine Inbrunst und sein Gottsuchen in
höchster Steigerung in
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(Seite 12)
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| sich trugen? Jene herrlichen Lieder voll Wucht und Größe, die in den marmornen Tempelhallen von den berühmten Sängerchören in Begleitung von tausend Instrumenten zum Preise Javes erklangen? |
| Nie wieder, weder vorher noch nachher, hat es in der Welt- und Völkergeschichte Lieder ihresgleichen gegeben - Lieder von solch eigenartiger Schönheit und Pracht, von solchem Tiefgehalt, solcher Glut der Empfindung, von solcher poetischen Kraft und Ausdrucksgewalt ! |
| Nie auch hat es ein Volk gegeben, welches - vor allem in seinen Spitzen
und den Trägern seines nationalen und religiösen Lebens - das Bewußtsein des
persönlichen Schöpfergottes, seiner Ueberweltlichkeit, seiner Größe und Heiligkeit und
Allmacht und Erbarmung so lebendig in sich trug, wie das welthistorische israelitische
Volk ! Das mit so leidenschaftlicher
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(Seite 13)
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| Inbrunst ihm anhing - wenigstens in seinen besten Zeiten - und so sehr das Gotteslob in die Mitte seines Kultus und seines ganzen nationalen und häuslichen Lebens stellte ! Und dies zu einer Zeit, wo auch die gebildetsten Völker des Altertums nichts kannten, als Zerrbilder und wahnsinnig vergottete Naturmächte; nichts sangen und dichteten - auch in ihren höchststehenden Werken nicht - als von irdischer und sinnlicher Liebe, Heldentum und Genuß. oder von dumpfer Trauer und Überdruß. Bestenfalls klang darin der Schmerz und das Unbefriedigtsein und die Ahnung kommenden Lichtes. |
| "Rings vom Aufgange bis zum Niedergange die gebrochenen,
zerrissenen, einander widersprechenden Klänge der Gott überall, wo er ist, suchenden
wunden Seele - nur auf e i n e m lichten Fleck der Erde, in einem kleinen Volke, auf der
begnadeten Höhe Sion -
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(Seite 14)
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| das frische, volle, hoch und hell aufklingende Preislied des lebendigen Gottes !" (Watterich.) Und diese goldene Harfe des Gotteslobes ist mit dem tragischen, selbstverschuldeten Untergang des ehemals auserwählten Volkes nicht verstummt. Aus den Händen der Synagoge hat die Kirche, die Braut Christi, diese Goldharfe voll Ehrfurcht übernommen. Sie hat die Psalmen wie kostbare Perlschnüre um die Feier der eucharistischen Geheimnisse geschlungen, hat ihre wundersame Liturgie damit aufgebaut. Ja, das ganze Leben und Wirken der Kirche ist durchatmet und durchpulst von Psalmenworten. |
| Und die Kirche hat das Psalterium auch ihren Kindern in die Hände
gegeben; denn nicht nur der Gesamtkirche, sondern jedes Einzelmenschen erste und höchste
Aufgabe ist es ja, Gott zu verherrlichen. D a s ist das Endziel der ganzen
Schöpfung - der unbelebten und der
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| Die Anfangsseiten aus dem Büchlein "Die Goldene Harfe",
Ausgewählte Kleinodien der Gegenwarts - Literatur, von Henriette Brey. Bergland Verlag
1924. Mit der Widmung: "Weihnacht 1945 von Fräulein Roczynski"
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| Von mir gefunden und ins Netz gestellt am 18.Okt.1998
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T.A.05098 Johannes Angerbauer |