GUSEN II:

DIE EXEKUTION DER ZUSPÄTKOMMENDEN

 

Wir stoßen einen Seufzer der Erleichterung aus, wenn wir die Kapos durch die Stollengewölbe schreien hören: >>Antreten, antreten!<<, das Signal zum Sammeln.
Die Preßlufthämmer schweigen, die Werkzeuge werden liegengelassen, die neue Mannschaft wird sie in wenigen Augenblicken aufnehmen, um weiterzuarbeiten. Die Stiele der Schaufeln und Spitzhacken werden noch warm sein.
Man hört in der plötzlichen Stille im Berg nur das Getrampel der Männer, angetrieben von den Kapos.
Das Antreten findet draußen statt, und wir stehen oft stundenlang da, um auf die Ablösemanschaft zu warten.
Wir werden gezählt und abermals gezählt; die Kapos oder die SS-Leute verzählen sich oft, und wir müssen ihre Fehler ausbaden, weil sich dann die Wartezeit verlängert.
Dieses lange Warten, das Stehen auf unseren schmerzenden Beinen ist eine unerträgliche Tortur. Wie viele meiner Kameraden habe auch ich Ödeme, die meine Beine verformen: Meine Knie verschwinden in einem Geschwulst, das bis zu den Oberschenkeln reicht. Das steigert die Schmerzen, die durch die offenen Wunden hervorgerufen werden.
Wir warten oft lange auf einen Mann, der beim Appell fehlt. Meistens liegt er , vor Erschöpfung zusammengebrochen, irgendwo im Dunkeln eines Stollens.
Wenn ihn die Kapos, die ihn gesucht und schließlich gefunden haben, herbeischleppen, ist er bereits völlig entstellt von den Schlägen, die er unterwegs bekommen hat. Er wird vor und auf den Boden geworfen, und die SS-Männer nehmen sich seiner an. Es ist sehr selten, daß so einer noch einmal mit dem Leben davonkommt. Er wird von Stiefeltritten zermalmt. Die Hunde zerfleischen ihn. Sein lebloser, blutüberströmter Körper wird auf eine der zahlreichen Bahren geworfen, die bereits mit Leichen gefüllt sind und die wir täglich mit ins Lager nehmen.
Quer durch die Gärten folgen wir den aufgelassenen Schienen einer kleinen Bahn, die nicht mehr in Betrieb ist. Es ist ein schmaler Gang, von Stacheldraht begrenzt.

 

I I I

 


Seite 111 aus dem Buch "GUSEN I I - Leidensweg in 50 Stationen". Ein Erinnerungsbericht von Bernard Aldebert, 1946. Übersetzt und herausgegeben von Elisabeth Hölzl, 1996. Erschienen und Copyright im Verlag "Bibliothek der Provinz", A-3970 Weitra, ++43/2815/635594.

 

Von mir entwendet und ins Netz gestellt am 18.Okt.1998

 

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T.A.05098 Johannes Angerbauer