GUSEN II:  DIE JUDEN

 

Die Juden, die dem Kesselwagen zugeteilt sind, Erwachsene oder Alte, sind Männer ohne Muskeln. Gekrümmt vor Anstrengung, können sie die schweren Wagen kaum in Bewegung setzen. Man hört, wie ihre mageren Gerippe unter den Schlägen hohl klingen. In ihrer Verwirrung ziehen und schieben die Männer jeder für sich, ohne ihre Kräfte zu vereinen.
Sie sind es auch, die für die Entleerung jener eingegrabenen Tonnen zuständig sind, die als Toiletten dienen. Den ganzen Tag lang füllen sie mit Hilfe von alten Kochtöpfen den Inhalt um und tragen ihn in Holzzubern, die sie auf Tragbahren stellen durch das Lager.
Viele Juden sprechen Französisch. Ängstlich kommen sie heran, um mit uns zu schwatzen. Die Franzosen sind die einzigen im Lager, die sie nicht wegjagen.
Sie fragen uns nach Neuigkeiten und überbringen uns die ihren, die völlig verrückt sind. Für sie ist die Befreiung nicht in weiter Ferne, sie kann es gar nicht sein. Sie können nicht warten. Es ist soviel Not in ihrer Hoffnung, sie belügen sich selbst sosehr, daß wir schweigen.
Endlose Scharen von Juden werden regelmäßig abtransportiert und vernichtet. Ein geisterhafter Karneval lebendig Verwesender mit wunderlichen Masken, wie in Bromsalz getaucht, entstellt von Wundrose, mit aufgeschwollenen, violetten Beinen, monströsen wuchernden Geschwüren, die jeden Augenblick zu platzen drohen.
Kaum einer kehrt zurück; eine rasche Petroleumspritze wird sie ins Krematorium schicken.
Aber den allerschlimmsten Leidensweg gehen die Juden in der unterirdischen Fabrik. Wenn wir in ihre Nähe kommen, finden wir sie manchmal in der Dunkelheit der Stollen wie zu Statuen erstarrt, extatisch in ihr Gebet versunken. Sie stammeln unverständliches Zeug mit einer Inbrunst, die sie die Gefahr vergessen läßt, in der sie ständig schweben.
Immer wieder findet man irgendwo einen dieser armen Juden an den höchsten Balken der Gerüste baumeln.
Selbstmord? ...Manchmal.

 

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Seite 147 aus dem Buch "GUSEN I I - Leidensweg in 50 Stationen". Ein Erinnerungsbericht von Bernard Aldebert, 1946. Übersetzt und herausgegeben von Elisabeth Hölzl, 1996. Erschienen und Copyright im Verlag "Bibliothek der Provinz", A-3970 Weitra, ++43/2815/635594.

 

Von mir entwendet und ins Netz gestellt am 18.Okt.1998

 

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T.A.05098 Johannes Angerbauer