GUSEN II:  DIE BEFREIUNG

 

Vernichtung, Leid und Tod steigerten sich immer mehr.
Trotz des Drucks, der auf ihnen lastet, geben die SS-Leute und ihre Komplizen nicht auf. Es ist April 1945, und nachts hören wir bereits das Grollen der Kanonen.
Es müßte jetzt alles schnell gehen, sehr schnell. Es ist eine Frage von Tagen; wir bekommen nur noch ein Kilogramm Brot für vierundzwanzig Mann. Wir hungern nicht mehr, wir verhungern.
Das ganze Lager scheint von Gespenstern bevölkert zu sein. Mit Ausnahme der Herrenrasse selbstverständlich, die vor unseren Augen weiterschmaust und sich die Kraft bewahrt, die sie braucht, um uns zu quälen.
An einem Aprilmorgen werden die Franzosen versammelt; ein armseliges Häuflein, das uns das Ausmaß des schrecklichen Blutbades, das unter uns angerichtet wurde, deutlich vor Augen führt. In meinem Block sind wir nur noch sechs; im April vergangenen Jahres waren wir hundertvierzig.
Wir sollen vom Roten Kreuz repatriiert werden, im Zuge eines Austausches politischer Gefangener? ...
Jene, die wir zurücklassen werden, säen, aus Neid oder in aufrichtiger Sorge, unter uns den schwärzesten Pessimismus.
Sie wollen uns überzeugen, daß wir alle in die Gaskammer kommen. In unseren kranken Köpfen bricht ein Sturm von Gedanken los, guten und schlechten. Wir haben gelernt, fatalistisch zu sein. Wir werden sehen.
Zu Fuß gehen wir von Gusen nach Mauthausen. Mehrere Stunden brauchen wir, um in dieses nur einige Kilometer entfernte Lager zu gelangen. Diese letzte Station auf unserem Kreuzweg war noch einmal sehr qualvoll. Aufeinandergestützt torkeln wir wie Betrunkene vorwärts, einander tragend passieren wir das Eingangstor von Mauthausen.
Die Repatriierung war tatsächlich Vorgesehen gewesen, aber die Wagen des Roten Kreuzes kamen nie im Lager an, da ihnen die Front den Weg versperrte.
Am 5. Mai 1945 betraten die Amerikaner das Lager Mauthausen.
Am selben Tag gab die Befreiung in Gusen den Anlass zu einer entsetzlichen Schlächterei. Die Mehrzahl der Tyrannen wurde von den entfesselten Häftlingen massakriert. Sich selbst überlassen, plünderten die Männer, was in den Speichermagazinen noch übriggeblieben war, vom Hunger in den Wahnsinn getrieben, schnitten sie sich gegenseitig die Kehlen auf. Sie machten aus Gusen II einen riesigen Leichenhaufen, über dem die Krähen in Scharen kreisten.

 

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Seite 223 aus dem Buch "GUSEN I I - Leidensweg in 50 Stationen". Ein Erinnerungsbericht von Bernard Aldebert, 1946. Übersetzt und herausgegeben von Elisabeth Hölzl, 1996. Erschienen und Copyright im Verlag "Bibliothek der Provinz", A-3970 Weitra, ++43/2815/635594.

 

Von mir entwendet und ins Netz gestellt am 18.Okt.1998

 

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T.A.05098 Johannes Angerbauer