Erste Tagebuchaufzeichnungen bei einem Kuraufenthalt am Toten Meer.

Ein Bokek, Israel.


(...)

5. Tag, 12.08.1994

2 1/2 Sonnenstunden ab 14h. War heute das erstemal Abendessen. Ebenfalls erstmals ein Hemd mit kurzen Ärmeln angezogen. Abends im DW Fernsehprogramm Bericht über Gefahr des Handels mit radioaktivem Material. Im Mai 1994 wurde ein Falschgeldhändler in Deutschland festgenommen. In seinem Haus wurde ein 11 cm grosser Behälter mit Platin 239, Reinheitsgrad: 99,7 % gefunden. Marktwert 6 Mio DM. Steht uns eine strahlende Zukunft bevor ?

Idee: Tafelbild

"BIER" = Vergoldet "bier" in engl.: (Toten)bahre

"GOLD"= Schwarz "gold" in engl.: Gold

Idee:

Installation/Objekt: Handtuchhalter mit goldenem Handtuch

(Am Badezimmeraufkleber wird darauf hingewiesen, durch die mehrfache Benützung der Handtücher Waschmittel sowie Wasser zu sparen und somit die Umwelt zu schützen. Zeichen für Putzfrauen: Handtuch am Boden = Waschen. Am Halter = Wiederbenutzen).


6. Tag, 13.08.1994

 

Heute 3 Std. in der Sonne, von 10.00h - 13.00h. 45 Grad C im Schatten. Trotz dieser Hitze lässt es sich überraschend gut in der Sonne aushalten. Mein "Platz an der Sonne" liegt sehr günstig, nämlich direkt beim Trinkwasserspender und vor einem Ventilator. (...) Habe das Gefühl, nach 3 Wochen "sauber" zu sein.

Idee:

GOLDSTAR BIER = Goldstern Totenbahre - "BIER" Deckel "GOLDSTAR"

2 Objekte: Goldstar Bierdeckel stark vergrößert und schwarzer Schriftzug "Bier".


7. Tag, 14.08.1994

Heute früh hat mich die Haut noch immer stark gebrannt. Spontaner Entschluss nach Jerusalem zu fahren. Bus Nr. 486 od. 444. Habe schon ursprünglich vorgehabt, dieses mal das Yad Vashem, das Holocaust Memorial zu besuchen. Ich fuhr um 8.15 am Toten Meer ab. Fahrtzeit ca. 1 3/4 Std. Es ist immer wieder ein Erlebnis, diese Strecke zu fahren, das Gefühl der Geschichte des Landes kommt immer so stark auf. Von der Central Bus Station in Jerusalem den Bus Nr.21 genommen. Ein bitteres Gefühl als österreichischer, deutschsprachiger Tourist unter grossteils jungen Israelis in den Hallen des Mahnmals zu wandern. Unvorstellbares Leid. Ein Gedanke schiesst mehrmals durch meinen Kopf: Was für ein Gott hat diesen Völkermord zugelassen? Junge uniformierte Frauen erklären einigen Gruppen (darunter Soldaten und eine Mädchenklasse) die ausgestellten Bilder und Texte. Einige Mädchen laufen weinend aus dem Holocaust Museum. In der Gedenkhalle mit dem "ewigen" Feuer metallenes Klirren und arabische Sätze von der Deckenöffnung über der Feuerstelle. Eine Gedenkhalle, in deren Zentrum eine Gruft die Asche unzähliger KZ-Opfer enthält. Unter den in Stein gravierten Namenszügen der Vernichtungslager sticht mir der Name "Mauthausen" ins Auge. Beim Hinausgehen - Ist ein "Hinausgehen" überhaupt möglich?- ein Weg. Eher orientierungslos komme ich zu einem Hügel - ein gepflasterter Weg durch Kieselflächen unterbrochen. 8 Steinschwellen, dann wieder Steinpflaster. Ein Auditorium 3 Stufen..., ich setze mich auf die mittlere, innerlich - nicht körperlich - aufgewühlt, erwartungsvoll erschöpft und lasse die "Aussicht" auf Jerusalem in mir wirken......

Das Aufstehen fällt mir schwer. Ich steige den gewundenen Weg wieder hinab und stehe vor einem - wie es scheint - Eingang. An der steinernen Wand lese ich überfliegend etwas von einem Denkmal für Kinder. Ich gehe fast automatisch in den höhleneingangförmigen Bereich hinein. Das Eintreten, ein Überraschen. Dunkelheit, 5 grossformatige mehrfach gespiegelte Kinderportraits. Ein paar Schritte nach rechts - ich bin orientierungslos. Sind Menschen um mich oder nicht? Die Dunkelheit, eine momentane, visuelle Orientierungslosigkeit... Das Erkennen einer einzelnen Kerze in einer Schale, durch Spiegel unzählige Male vervielfältigt. Ein Vorantasten, ein Stehenbleiben. Ich sehe nicht, ob andere Besucher neben mir stehen oder gehen. Ausser dieser einen Kerze (eigentlich sind es fünf Kerzen, ich habe nur eine wahrgenommen - für mich bleibt es eine Kerze) und ihrem Widerschein durch geschickt angebracht Spiegel dringt kein Licht in dieses wirkliche/wahre Kunstwerk ein. Was für ein Erlebnis ! Kurz vorher die Ausstellung der Kunstwerke im Kunstmuseum, welche bei mir keine tief betroffenen Gefühle auslösen konnten. Vielleicht, eine durch die Umstände bedingte dokumentarisch verschönte Oberflächlichkeit. Vielleicht war ich "gesättigt" oder betäubt durch das in fotografischer Weise dokumentierte Grauen der Vernichtungslager in den vorherigen historischen Hallen?

Aber hier, hier ist Kunst! Dunkelheit - eine Kerze - Das Gefühl der Verlorenheit in der Zeit und doch die Hoffnung auf Geborgenheit im Universum. Das Flackern der Kerze löst sich auf in immer kleiner werdende Lichtpunkte, die Menschen vor und hinter mir sind nicht einmal mehr schemenhafte Gestalten.
Vom Licht ins Dunkel und das Erscheinen des einzelnen Lichts, welches in der Dunkelheit durch unzählige Spiegelungen von flackernden, immer kleiner werdenden Lichtpunkten eine unendliche, beseelte Weite voller Trauer aber auch beschämende Hoffnung empfinden lässt. 1,5 Millionen hingemetzelte Kinder. Ein einziger Schrei dieser Kinder könnte unsere gesamte Menschheit auslöschen, wenn dieses Leid in geballte Energie transformiert werden würde.

Anschließend besuche ich das "Valley of Communities" - ein Denkmal für die ausgelöschten jüdischen Gemeinden in Polen. Große, aufeinandergelegte Steinblöcke bilden ein verwinkeltes Tal mit ca. 10 Meter Wandhöhe an der tiefsten Stelle. Die steinerne Wand wird durch eingravierte Textblöcke durchbrochen - die Namen der Gemeinden. Im Zentrum der Platzgestaltung befindet sich ein Informationsgebäude, nur erkenntlich an zwei Öffnungen in den Steinfronten. Man tritt ein und steht in einem hochmodernen, 2-stöckigen Informations- und Kommunikationszentrum. Im 1. Stock ein Computerterminal und eine Bibliothek. Ich versuche, in die Geheimnisse des "Winword" einzudringen. Die Rast in diesem gut gekühlten Gebäude tut gut, draußen herrscht Mittagshitze. Es gelingt mir nicht, bis in druckfähige Bereiche vorzustoßen. Neben dem PC und dem Drucker liegen verstreut zahlreiche Ausdrucke. Ich kann zwar die hebräischen Texte nicht lesen, aber dennoch geht ein Energiestrom von diesen scheinbaren Versuchsausdrucken aus. Ich nehme einige Seiten mit und werde sie einmal verarbeiten. Beim Rückweg an einem in Arbeit befindlichen Denkmal vorbei. Ein Eisenbahnwaggon auf einem ins Leere führenden Geleise. An der Waggonwand folgende Daten:

Waggon der Deutschen Reichsbahn

Ladegew. 15.000 kg

Tragf. 17.500 kg

Bodenfl. 29,4 m2

LüP 12,10 m

Gew. d. W. 10.870 kg

München

11689

G

 

Mit solchen Waggons wurden die Opfer in die Vernichtungslager deportiert.

Am Rückweg kaufe ich mir im Yad Vashem Book Shop Lesestoff über den Holocaust.

(Nachsatz v. 22.11.1998: Eine doppelseitige Fotografie aus dieser Publikation bildete ein Jahr später den Bildinhalt zur "T.A.02595 -...noch nicht mit Erde bedeckt".)

Um ca. 14.00 h war ich wieder an der Central Bus Station. Leider ging der nächste Bus zum Toten Meer erst um 17 h. Ich fuhr also mit dem Bus Nr. 21 Richtung Old City. Beim Herodestor stieg ich aus und wanderte durch das arabische Viertel in Richtung Jaffator. Ohne Stadtplan. Da noch viel Zeit blieb begann ich den Weg zurück zur C.B.S. zu Fuß anzutreten. Ich hielt mich an die Nummern der Bushaltestellen. Nach 2 Std. Weg dachte ich mir, jetzt wird es Zeit, doch noch für das letzte Stück einen Bus zu nehmen. Ich stieg in den nächsten Bus ein und fragte: "To the Central Bus Station ?". Der Busfahrer schaute mich zuerst etwas verständnislos an, dann antwortete er mir: " You are at the Central Bus Station". Ich drehte mich um, und tatsächlich ich stand wieder direkt vorm Ausgangsort. Planloser Tourist...

Bus Nr. 444 nach Eilat, ich hatte großes Glück noch einen Sitzplatz zu bekommen. Eine nachdenkliche Heimreise. Um 19.00 h war ich wieder im Hotel.

Idee:

Das Plastiksackerl mit dem Aufdruck: "Yad Vashem Book Shop" verarbeiten. Collage auf vergoldetem Hintergrund.

Wo ist das Gold aus den KZ-Goldminen? Im Historischen Museum des Yad Vashem befindet sich eine kleine Vitrine mit Goldzähnen aus einem KZ. Wenn "nur" 1 Mio. von 6 Mio. jüdischen Opfern einen Ehering trugen, ergibt sich bei der Annahme von durchschnittlich 2 Gramm pro Ring schon das Gewicht von 2 Tonnen Gold. Rechnet man das Zahngold und diversen Schmuck hinzu ergeben sich zig-Tonnen Gold... Wo ist dieses Gold?

Idee:

Eine Bodenfläche / Minenfeld mit den Ausmaßen von 29,4 m2...


8. Tag, 15.08.1994

 

47 Grad C im Schatten. Wieder 3 Std. Sonne von 13.20 an...


Zu Tagebuch Nov. 1998

mail to: Johannes Angerbauer