Eröffnungsrede:

 

Rede von Daniel Velu (ehemaliger Häftling des KZ Steyr) am 11. 5. 1998 in der Zeitwerkstatt im Museum Arbeitswelt.

Im Namen der 300 spanischen Deportierten, die am 6. Jänner 1942 vom Zentrallager Mauthausen kamen, um einige Kilometer von der Stadt entfernt die Baracken eines neuen Lagers, des Nebenlagers Steyr, zu bauen.

Im Namen der 11.000 Deportierten aus verschiedenen Ländern, die im April 1943 aus diesem Lager in 5er- Kolonnen seit 4 Uhr morgens heraus marschierten und sich zum Bau eines Werks für Flugzeugversuchsmotoren in die Steyr- Werke begaben, von wo sie um 18 Uhr erschöpft von der harten Arbeit wieder eintrafen. Sie wurden wie Galeerensklaven behandelt und bekamen nur magere Kost.

Im Namen der durch den Krieg 1945 aus entfernten Lagern angekommenen verstörten und ausgemergelten Deportierten, die am Wegesrand ihre Freunde zurücklassen mußten, die getötet wurden, weil sie zu schwach waren.

In ihrem Namen und im Namen von einigen Überlebenden danke ich Ihnen für dieses wunderbare Geschenk, das dieses pädagogische Zentrum gegen den Nationalsozialismus darstellt.

Unsere Gefühle schwanken zwischen Emotionen, die immer wieder die Bilder einer schmerzhaften Vergangenheit hochkommen lassen, und der Freude darüber, daß die Leiden nicht umsonst gewesen sind. Die künftigen Generationen werden hierher kommen, um ihre Aufgabe zu lernen, wachsam bleiben.

Die unfehlbare Wachsamkeit ist angesagt, weil es immer wieder von Eitelkeit zerfressene Geister gibt, die bereit sind, unsere im Laufe der Jahrtausende entwickelte Zivilisation zu vernichten.

Als ich eines Morgens zur Tagschicht im Werk ankam, fand ich auf dem Werkzeugkasten einen frischen, wunderschön glänzenden Apfel. Ich schälte ihn kunstvoll und ließ die Schale zurück. Zwischen den anonymen Spender, der eine gewisse Freiheit genoß und der mit der Welt der Lebenden in Kontakt stand, und dem anonymen Empfänger, einen Sklaven, der zum Schweigen und zum Tod verurteilt war, entstand eine Beziehung. Denn dieser Apfel war für einen Elenden mehr als ein wenig Zucker, Vitamine und durch die Frucht eingefangene Sonne, er war auch und vor allem eine moralische Stütze, eine Botschaft, die bedeutete: Halten Sie sich aufrecht, wir vergessen Sie nicht!

So entstand zwischen zwei unbekannten Menschen eine Überlebenskultur mitten in der Todeskultur der Nazis.

1944 – 45 gab es im Lager von Steyr, von ca. 100 Franzosen 20% Volksschullehrer. Auf ihrer Asche errichtet die Stadt die sie leiden und sterben sah, ein pädagogisches Zentrum gegen den Nationalsozialismus. Im Namen der Toten und einiger Überlebender sage ich noch einmal danke.

 

Übersetzung aus dem Französischen:
Mag. Waltraud Neuhauser- Pfeiffer.

 

Im Anschluß an seine Rede übergab Daniel Velu Originalgegenstände aus dem KZ Steyr an Mag. Christa Nowshad, Leiterin der pädagogischen Abteilung im Museum Arbeitswelt, und Mag. Karl Ramsmaier, Vorsitzender von Mauthausen Aktiv Steyr.

 

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T.A.05098 Johannes Angerbauer