T.A.05799 - TANTALUS


KONZEPT

Ort: Athen,  ART ATHINA 7'99
Zeit: 21. - 26.10.1999
Art: Minenfeld #14
 

 

EINLEITUNG

 

Die 57. Handlung, ausgeformt als 14. Minenfeld, vereint in ihrem Titel die mythologische Gestalt des lydischen Königs Tantalos mit dem im chemischen Apparatebau und für chirurgische Instrumente verwendeten Element Tantalum. "Tantalus" steht hier für Vergangenheit und Gegenwart, für die Verschmelzung von alter Menschheitsgeschichte mit einem zeitgenössischen Material der Technik. Tantalos, der reiche König aus dem Goldland Lydien, der "allzu Wagemutige", von den Göttern als Buße zu den "Tantalusqualen" verurteilt. Gold, Leid und Buße finden sich hier in der griechischen Mythologie. Das zentrale Thema der Bildinhalte bilden 38 Fotografien von Bildstöcken, die ich 1997 auf meinem Weg zur Idäischen Höhle auf Kreta aufgenommen habe. Historische Pfade, aktuelle menschliche Wegzeichen und zukünftige Kunstwege auf griechischem Boden vereint.

 

Das chemische Symbol für Tantalum lautet "Ta". Mit diesem Kürzel und seinen Materialeigenschaften, wie z.B. eine hohe Widerstandsfähigkeit gegen Säuren, weist es hier als verwendetes Material für einen zentralen Bildträger auf die Idee des T.A. Organismus insgesamt. Es steht für die Beständigkeit in der Verantwortung gegenüber der Initialidee: Die symbolische Reinigung des Elements Gold durch seine Rückkehr zur Erde, die Erweiterung des Goldbegriffs und die damit konzeptuell verbundene und praktisch umgesetzte Linderung menschlichen Leids. Im speziellen Fall dieser T.A. weist es aber auch auf die im Sommer 1996 erschienene Inspiration zur "T.A.Olympia", welche als bereits vertraglich voll finanzierte - aber leider 1998 vom Zeremonienmeister der Olympischen Spiele in Sydney, Ric Birch, abgelehnte - Handlung einer zukünftigen Realisierung beharrlich entgegensieht.

 

TECHNISCHER AUFBAU

 

Im Zentrum ein Feld aus Tantalum (50x50x0,05cm), umgeben von 8 Feldern aus Sicherheitsglas (50x50x0,5cm). Ein äußerer Ring aus 40 Eisenobjekten (16,6x16,6cmx0,6cm) umschließt das verletzliche Glasfeld mit dem Kern aus Tantalum. Es ergibt sich so ein quadratisches Bodenfeld mit der Seitenlänge von 182,6 cm, welches aus insgesamt 49 Einzelfeldern besteht.
Alle Felder sind durch die von mir geschaffene "Übergoldtechnik" zur Gänze mit 23-karätigem Dukatendoppelgold blattvergoldet. Unter dem Blattgold befinden sich mittels Siebdrucktechnik aufgebrachte Bildinhalte. Menschen begehen die Goldfläche, hinterlassen ihre Spuren, verdichten dabei das matte Übergold zu einer Spiegelfläche und legen im weiteren Verlauf die anfangs unsichtbaren Bildinhalte partiell frei. Durch die Erosion des Goldes schließt sich ein Kreis. Das Gold kehrt zur Erde zurück.
Nach Ende der Gestaltungsfrist werden die 49 Objekte durch Sicherheitsglas geschützt, mittels Buthyl, Aluminiumfolie und Gummiprofil versiegelt und abschließend in einem Stahlrahmen eingeschweißt. Der Gestaltungsprozess, die Spuren der Menschen, sind so bestmöglich konserviert und werden - im Licht aufgerichtet - als Wandobjekte den inhaltlichen Aspekt der goldenen Wahrheit vermitteln.

 

INHALTLICHER AUFBAU

 

Zur Feldstruktur:
Die Anzahl der Felder wuchs organisch im thematischen Aufbau und steht hier für die 49 Monde der größten Festperiode: der Olympiade. (Die ursprüngliche Anzahl der Festperiode von 50 Monden wird bei jeder zweiten Gelegenheit durch die Periode mit 49 Monden abgelöst).
Der Bildträger des zentralen Felds besteht aus Tantalum. Fast so schwer wie Gold und vielfach teurer als Silber, in seiner Erscheinung grau und unscheinbar wie Stahl, bildet es ein Kraftfeld der Werte. Mit seinen 38 Bildinhalten steht es konzentriert für griechische, menschliche Wege und Wegmarken.
Das Kernfeld wird umgeben von 8 Feldern aus Sicherheitsglas. Glas als transparentes Material steht für die symbolische Auflösung des materiellen Bildträgers. Es dient als Hinweis auf die spätere Durchlichtung der Objekte und zeigt damit auf das primäre Wesen der goldenen Bodenfelder: der Prozess des Begehens als eigentlicher schöpferischer Vorgang. Als in Auftrag gegebene Sammlerobjekte gehen sie eine enge Verbindung mit dem kommerziellen Ort der Gestaltung, einer internationalen Kunstmesse, ein. Im Fall der T.A. als soziales Kunstwerke bedeutet der Verkauf eines Goldobjekts aber auch die konzeptuell damit verbundene, gleichzeitige Linderung menschlichen Leids, die Vollendung des Werks an sich. Die 8 Glasfelder bilden so einen Ring um das Tantalumfeld, welcher bereits im Vorfeld eine leidlindernde Spur im sozialen Bereich prägt und damit den goldenen Kern der 38 Bildstöcke mit einer Aura der Menschlichkeit umgibt.
Der äußere Ring besteht aus 40 Einzelfeldern. Bildträger ist Eisen. Das Eisen bildet als dickstes Material einen erhöhten Wall und schützt die verletzlichen Glaskanten des inneren Rings. Mit der Wiederholung der Bildinhalte des zentralen Feldes, der einzelnen Bildstöcke, steht er in Verbindung mit dem Zentrum. Durch seine äußere Lage und die kleine Strukturierung soll er auch auf eine zukünftige Ausbreitung weisen. Zentrierung und Grenzüberschreitung.

 

Zu den Bildinhalten:
Das Bildthema des zentralen Felds stammt aus der T.A.04497 - der 44. Handlung - der Stationierung des 16. Transformators am Freitag, den 27. Juni 1997, über der Idäischen Höhle auf Kreta. Es handelt sich dabei um Fotografien von 38 Bildstöcken - "Proskinitaria" - von mir dokumentiert auf dem Weg zum mythologischen Geburtsort des Idäischen Daktylos Herakles und den Ursprung des olympischen Goldes. Bildstöcke des Glaubens. Am Wegesrand in die Öffentlichkeit gesetzte Zeichen von persönlichen, intimen Ereignissen, gewidmet dem über alles Waltenden, nun vereint als goldenes Zentrum auf einem Feld aus Tantalumblech.
Auf den 8 Glasfeldern befinden sich Bildinhalte, die in Zusammenhang mit vergangenen Minenfeldern und Projekten stehen. 5 Felder bilden als Auftragsarbeit von Sammlern jeweils das 10. Feld einer Serie mit gleichem Bildinhalt, aber verschiedenen Gestaltungsorten und Bildträgern. Sie sind das derzeit letzte Glied einer Kette, die zum 1. Minenfeld, der T.A.02194 in der Schlossgalerie Steyr, zurückreicht. Die Bildinhalte sind: Joseph Beuys mit seinem Friedenshasen, das älteste menschliche Trittsiegel, der erste Fußabdruck auf der Mondoberfläche, der Schädel einer Hofdame aus einem mesopotamischen Königsgrab und Goldkristalle auf der Kathode einer Raffinierungsanlage. Die verbleibenden 3 Felder sind Auftragsarbeiten aus der T.A.05399 - "T.A.Kurzschluss". Die Bildinhalte sind: die Schachtwand mit Signaturen aus der T.A.05499 - "Aktion Aufzugsfahrt", das "Gegenbild vom Gegenbild", ein Detail aus der Arbeit "Ohne Titel - (Weisses Kreuz)" von Joseph Beuys und drei Kerzen vor dem Altar der katholischen Pfarrkirche in Hallstatt.
Die Bildinhalte der äußeren 40 Eisenfelder bilden wiederum die 38 Bildstöcke und 2 Fingerelemente. 38 einzelne Wegstationen und der Weganfang, das Wegende. Die 2 Finger stehen für den goldenen Ursprung, Leid und dessen Linderung durch Kunst. Sie symbolisieren den sich schließenden Kreis. In mythologischer Hinsicht zeigen Finger und Eisen auf die Niederkunft der Göttin Rhea in der Idäischen Höhle und auf die dadurch entsprungenen Wesen der Daktyloi Idaioi, die "Idäischen Finger". Einer davon war Herakles, der seine vier Brüder wettlaufen ließ und damit die Olympischen Spiele gründete.

 

ZUR VOLLENDUNG

 

Die eigentliche Vollendung der Werke vollzieht sich im sozialen Bereich. Mit dem Kauf eines Goldobjekts ist die Linderung menschlichen Leids konzeptuell verbunden. Der Besitzer des Objekts wird so zum Gestalter. Er vollbringt die letzte Spur als Formgebung im Sozialbereich und beschließt damit den Gestaltungsvorgang.
Die Art und Weise der sozialen Ausformung soll sich prozessbezogen entwickeln. Ein regional auf Athen oder Kreta bezogenes Sozialprojekt wäre vorstellbar. Durch den gläsernen Ring ist hier bereits ein skulptierendes Fundament geschaffen.
 

Johannes Angerbauer, Israel, Dead Sea im Juli 1999


T.A.Tantalus Index               T.A.Home                mail